Kontroverse, verstörende Medienberichte über organisierte, rituelle Gewalt

Zum Teil unsachlich geführte Auseinandersetzung mit Patient:innen sowie Behandler:innen verunsichert und gefährdet gleichzeitig die psychotherapeutische Versorgung

Besorgte Mutter und Kind

Seit geraumer Zeit findet in den Medien eine Debatte zum Thema der sexualisierten Gewalt in Kindheit und Jugend in organisierten und rituellen Strukturen statt. Der Spiegel-Artikel „Vermeintliche Opfer ritueller Gewalt – Im Wahn der Therapeuten“ hat ein beeindruckendes, einhellig kritisches Echo vieler Fachverbände ausgelöst, deren Mitglieder:innen mit Opfern von tätlicher und sexualisierter Gewalt arbeiten (hier eine Auswahl von Links: UKSBMDeGPT, Dr. Jan Gysi). Auch Dr. Andreas Krüger ist der Artikel prompt negativ aufgestoßen. Eine direkte Konfrontation haben offenbar alle vermieden, um den Spiegelautoren nicht eine noch größere Plattform für ihre irritierenden Positionen zu eröffnen. 

 

Unter den Tisch fallen lassen? Keine Option.

Dr. Andreas Krüger wendete sich zeitnah mit einem Leserbrief an das Magazin. Wir setzten Hoffnung in die Gegendarstellung aus Sicht eines erfahrenen Kindertherapeuten. Das Thema war heikel und uns lag es sehr am Herzen hierzu Gehör zu finden. Die Antwort auf die Einsendung des Leserbriefes war folgende:

Vielen Dank für Ihren wertvollen Beitrag. Ihr aufmerksames Interesse an unserer Arbeit schätzen wir sehr! Leider konnten wir Ihren Beitrag jedoch nicht abdrucken. Der Platz für Leserbriefe im SPIEGEL ist begrenzt, so dass nur wenige der zahlreichen Zuschriften, die uns Woche für Woche erreichen, veröffentlicht werden können.“

Es frustrierte uns, dass ein Experte mit kontroverser Meinung, der über viele Jahre immer wieder mit betroffenen Kindern und Jugendlichen arbeitet, kein Gehör findet. Wir haben uns entschieden, den Leserbrief auf unserem Blog zu veröffentlichen. Was denken Sie? Hinterlassen Sie uns gerne einen Kommentar mit Ihrer Meinung unter dem Blogbeitrag und/oder teilen Sie den Beitrag sehr gerne.

Dr. Andreas Krüger (un)veröffentlichter Leserbrief

Das Kind mit dem Bade ausgeschüttet?

Frau Lakotta und Herr Piltz nehmen sich eines gesellschaftlich wichtigen Themas an. Die meisten haben nur eine vage Vorstellung und diffus-verstörende Informationen über Kulte, die hier thematisiert werden. „Kann so etwas wirklich sein?“ Der Artikel will vermutlich kritisch aufklären. Das ist erst einmal gut, wenn ein relevanter Beitrag nachvollziehbar auf der Basis fundierter, umfänglicher Recherche und Sachinformationen fußt. Hier findet sich allerdings auf sieben Seiten im Schwerpunkt eine Aneinanderreihung subjektiver, objektiv, auch psychiatrisch-psychotherapeutisch – nicht klar einzuordnenden Informationen über eine Frau W., ihre Leidensgeschichte – und nicht überprüfbare Erfahrungen in einer Psychotherapie, die im persönlichen Angriff einer einzelnen Kollegin mündet, die gleich für eine ganze Gruppe von Fachleuten herhalten muss. Der Artikel verstört mich als alten Spiegel-Leser und führt zur Frage: wo differenzieren die Autoren ihre Position? Und wem dient der Artikel? Was ist, wenn entgegen den Annahmen der Autoren, Menschen doch in destruktiven Kulten massiv zu Schaden kommen? 

Ich bin seit über 25 Jahren als Kinder- und Jugendpsychiater tätig. Im Schwerpunkt arbeite ich seit vielen Jahren als Traumatherapeut. Viele Kinder und Jugendlichen erlebten tätliche und sexualisierte, emotionale Gewalt. Meist innerhalb der Familie, auch in organisierten pädokriminellen Kontexten. Mir und auch Kolleg:innen sind dabei einige Kinder und Jugendliche aus dem Kontext (organisierter) ritueller emotionaler, sexueller und tätlicher Gewalt begegnet, einige habe ich über lange Zeit behandelt. Die grauenhaften Verhältnisse während der sadistischen, rituellen Handlungen, die diese Kinder mutmaßlich erlitten bzw. bezeugt haben, werden aus therapeutischen Gründen explizit nicht erfragt. Wir behandeln Trauma-Folgestörungen. Keine Erfahrungen. 

Alle diese Kinder und Jugendlichen leiden unter schwersten, komplexen Trauma-Folgestörungen. Im Laufe der Behandlung finden diese jungen Menschen meist einen Weg, zunächst z. B. über bildhafte Darstellungen, später auch über die Sprache, über Verhältnisse der rituellen Misshandlung zu berichten. Von sich aus. Die psychiatrische-traumapsychologische Diagnostik lässt wenig Zweifel aufkommen: der große Teil der Schilderungen aus der Krankengeschichte und der Äußerungen des Kindes selbst sind ernst zu nehmen und entsprechen vermutlich Erfahrungen während der Misshandlungen. 

Dr. Andreas Krüger, Traumatherapeut, Hamburg

 
Das Thema ist wichtig und sollte Gehör finden. Was denken Sie? Lassen Sie uns gerne ein Kommentar mit Ihrer Meinung unter dem Blogbeitrag da und/oder teilen Sie den Beitrag sehr gerne.

Comments 8

  1. Danke für diesen Leserbrief, sehr schade und irritierend, dass er nicht veröffentlicht wird.

  2. Es wurden viele Leserbriefe nicht veröffentlicht, auch meiner. Dabei ist Gegenöffentlichkeit bei diesem Thema und nach dieser pauschalen Diffamierung zahlreicher Psychotherapeutinnen so wichtig! Daher kann man nur alle Betroffenen und Beteiligten bitten, möglichst weit verbreitet in anderen Zeitschriften und auch auf allen weiteren Kanälen auf das Thema Organisierte rituelle Gewalt und die Traumafolgestörung DIS aufmerksam zu machen. Mit den Dreharbeiten zu dem Kino-Film „Blinder Fleck“ gehe ich dabei weit in Vorleistung, siehe https://www.wieskerstrauch.com/projekt-blinder-fleck/. Ich danke Andreas Krüger und dem IPKJ für die tatkräftige Unterstützung!

  3. Für mich steht es außer Frage, dass Machtmißbrauch in jeder auch für viele unvorstellbarer Form existiert und täglich überall auf der Welt stattfindet.
    Ich bin seit 32 Jahren hauptberuflich als Ergotherapeutin tätig – Schwerpunkte sind Kinder und Jugendliche und Erwachsene mit psycho-emotionalen Schwierigkeiten/Herausforderungen. Ich stimme Herrn Krüger zu, es geht um die Behandlung der Trauma Folge und nicht um die Erfahrung oder ‚die eine Wahrheit‘.
    Und der Mensch ist nun mal zu Vielem fähig im Guten wie im Schlechten.

  4. Danke, Andreas, für diese Erwiderung. Die Frage „wem dient der Artikel“ finde ich wichtig zu beantworten – den Geschädigten dient er ganz bestimmt nicht, im Gegenteil. Durch derartiges Nichtwahrhabenwollen und eine Diskreditierung der Hilfegebenden an so prominenter Stelle werden die Strukturen geschützt, die solche schrecklichen Praktiken möglich machen. Nach meinem Verständnis ist es das Gegenteil von aufklärendem Journalismus.
    Hoffentlich findet der Leserbrief und weitere Einwände an den entscheidenden Stellen Gehör!

    Herzliche Grüße und alles Gute weiterhin für Deine/ Eure Arbeit,
    Simran (Yogazentrum Hoheluft)

  5. Ich sehe das genauso wie Herr Krüger. Ich habe 20 Jahre als Kinder- und Jugendpsychiaterin stationär gearbeitet und seit 15 Jahren als ärztliche ambulante Psychotherapeutin für Erwachsene. Auch mein Schwerpunkt ist die Traumatherapie und auch ich habe inzwischen viele Menschen kennengelernt, die rituellen Missbrauch erlebt haben und viele mit Dissoziativer Identitätsstörung. Eingeredet habe ich das niemandem. Bei diesem unseriösen Artikel im Spiegel, frage ich mich auch , wer wohl an so einem Artikel Interesse hatte.

  6. Einen „oberflächlichen“ journalistischen Umgang mit dem Thema Trauma haben die Betroffenen und auch die Therapeuten und Pädagogen nicht verdient, die sich in ihrer täglichen Arbeit mit den Opfern auseinandersetzen. Manchmal will es scheinen, als würde das Thema Trauma jetzt gute Schlagzeilen machen, die Vulnerabilität des Ganzen bleibt damit aber gelegentlich auf der Strecke. Um so wichtiger ist es, Therapeuten wie Dr. Krüger zuzuhören.

  7. 1/5 der 24 000 Anträge, die seit Mai 2013 beim von der Bundesregierung eingerichteten Fonds Sexueller Missbrauch eingegangen sind, weisen Kennzeichen verschiedener Formen des Organisierten Missbrauchs auf. Das sind Organisierte Sexuelle Ausbeutung, Ritueller Missbrauch und Sektenähnlicher Missbrauch. Manchen der Anträge sind Gerichtsurteile beigefügt, in denen die TäterInnen wegen Kindesmissbrauch oder sogar wegen Kindermord verurteilt wurden. Gab es einen Bezug zum Organisierten Missbrauch inkl. der Kinderprostitution und der Herstellung und dem Vertrieb von Kinderpornografie, kam das aber in den Prozessen nicht zur Sprache. Das Bewusstsein für die Zusammenhänge hat sich erst durch die Aufdeckung der Fälle Organisierten Missbrauchs in Staufen, Lügde, Bergisch Gladbach, Wermelskirchen und Münster ein Stück weit gewandelt https://spiegelstelle.de/beitrag?id=38.

    2018 rief das Bundesfamilienministerium deshalb einen Fachkreis ins Leben, der eine Stellungnahme mit dem Titel >Sexualisierte Gewalt in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen< verfasste https://www.kinderschutz-zentren.org/Mediengalerie/1525695685_-_Fachkreis_Empfehlungen_2018_Einzelseiten_Selbstdruck.pdf.

    Opfer Organisierten Missbrauchs und deren HelferInnen sehen sich mit besonders vielen Schwierigkeiten konfrontiert, immer wieder versucht man sie zu diskreditieren.

    Überproportional häufig werden beim Fonds Sexueller Missbrauch Hilfen zum Ausstieg aus dem Tatmilieu beantragt. Manchmal auch, um die eigenen Kinder davor zu schützen, ebenfalls organisiert sexuell ausgebeutet zu werden oder weil die AntragstellerInnen sich gemeinsam mit ihren Kindern von den TäterInnen und MittäterInnen befreien wollen https://spiegelstelle.de/beitrag?id=54.

    Wenn Menschen davon berichten, Opfer sexuellen Missbrauchs zu sein, sollte man Folgendes beachten https://spiegelstelle.de/beitrag?id=39.

    Fazit: die verschiedenen Personen und Gruppen, die die Existenz Ritueller Gewalt oder sogar des Organisierten Missbrauchs insgesamt in Frage stellen, hegen ganz unterschiedliche Motivationen. Darunter sind beispielsweise KirchenfunktionärInnen, die Verurteilungen zu hohen Schmerzensgeldzahlungen abwehren wollen (Stichwort Amtshaftung), psychotherapeutische LobbyistInnen, die ihre eigenen Therapieverfahren auf Kosten der PsychotraumatologInnen protrahieren wollen, Leute, die Sadomasochismus unter dem Fetisch "Satanismus" betreiben und sich durch das, was sie als "Satanic Panic" bezeichnen, diskreditiert fühlen und natürlich all jene, die vom Organisierten Missbrauch profitieren, u.a. als ZuhälterInnen und BordellbetreiberInnen. Denn aus Sicht dieser Personen sind auch die seit früher Kindheit auf Kooperation bei den teils äußerst gewaltvollen und pervesen Sexualpraktiken konditionierten erwachsenen Opfer sehr wertvoll. Bestimmte Segmente der Pornografie und der Sexkaufangebote gäbe es ohne Organisierten Missbrauch so nicht. Und nicht zuletzt: manche Medienleute wollen sich profilieren, indem sie sich an der Diffamierungskampagne beteiligen und so das Bedürfnis des Teils der LeserInnen erfüllen, die sich mit dem Gedanken, dass es "so etwas" in ihrem Land, in ihrer Gesellschaft nicht gebe, behaglicher fühlen.

    Organisierten Missbrauch, diese besonders widerwärtige Form komplexer Bandenkriminalität zu bekämpfen, stellt eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung dar. Als der Missbrauchstsunami 2010 auch Deutschland ergriff, zeigte die große öffentliche Anteilnahme, wie sehr sich der Blick auf missbräuchliche Anteile des Sexuellen gewandelt hatte und wie viele Erwachsene mittlerweile bereit und in der Lage sind, aus einer reifen Perspektive heraus auf das zu blicken, was in unserer Gesellschaft und vielen anderen der Welt in ihrer ganzen Ambivalenz als Sex gilt.

    Angelika Oetken
    Co-Sprecherin des Betroffenenbeirates beim Fonds Sexueller Missbrauch

  8. Vielen Dank für dieses Statement.
    Es ist so wichtig, dass Fachleute Stellung beziehen und Worte nutzen, die verständlich sind. „Die meisten haben nur eine vage Vorstellung und diffus-verstörende Informationen über Kulte, die hier thematisiert werden“, schreiben Sie in Bezug auf den Spiegelartikel. Ich glaube, hier liegt ein grundsätzliches Problem im Umgang mit organisierter Gewalt und komplexen Traumafolgen. Bilder, die reproduziert werden, Worte, die genutzt werden, können von Leuten, die keine bewusste Berührung mit dem Thema haben, nicht eingeordnet werden. Sie bleiben „diffus-verstörend“, Menschen haben keine Chance, eigene Berührungsängste abzubauen und sich tatsächlich auf das Thema einzulassen. Abwehrstrategien bleiben wirksam. Es bräuchte Zugänge, die Brücken bauen und Begegnungen, die Annäherung anstoßen können. Es braucht eine Enttabuisierung, und es braucht Betroffene und Fachkräfte, die Worte finden, und vermeintlich „undenkbares“ denkbar machen.
    Ich lebe selber mit DIS, habe organisierte Gewalt überlebt und arbeite als Traumapädagogin sowohl mit Menschen mit komplexen Traumafolgen, als auch mit Fachkräften in Fortbildungen und Bildungskontexten.
    Ich habe ein Buch geschrieben über die Zeit, in der ich meine Weiterbildung zur Traumapädagogin gemacht habe, auch um dem Narrativ über Menschen, die organisierte Gewalt überlebt haben, entgegen zu wirken. (https://www.asanger.de/titeluebersicht/psychotherapieanalyse/mit-dissoziativer-identitaet-leben.php)
    Mit komplexen Traumafolgen zu leben ist eine Herausforderung. Erschwerend kommen das chronische Infragestellen der Existenz von organisierter Gewalt und die Vorurteile und Zuschreibungen hinzu, denen ich – und viele andere – begegne.
    Während meiner Weiterbildung habe ich meinen biografischen Hintergrund offen gelegt. Für mich war das ein heilsamer und gleichzeitig lehrreicher Prozess. Nun schweige ich zumeist wieder gegenüber Kolleg*innen. Die Erfahrung zeigt, dass auch in traumapädagogischen/-therapeutischen Fachkreisen ein offener Umgang mit der Thematik organisierte Gewalt meist nicht möglich ist.
    Dabei liegen dort Goldschätze an Erfahrungswissen, die Kolleg*innen, Institutionen, Patient*innen (großen und kleinen) und Klient*innen sehr nützen und den Fokus von den „diffus-verstörenden Informationen“ hin zu einem alltäglichen Umgang und nachhaltiger Unterstützung lenken würden.
    Herzliche Grüße von Frieda/May-Lo

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