Kleines Trauma-Alphabet: Notfallprogramm im Kopf

Das Gehirn im "Notfallprogramm"
Weinendes Kind

Bei Krankheiten des Körpers kommt es zu Gruppen von Krankheitszeichen: Bei einem Herzinfarkt sind es z.B. Schmerzen (z.B. in der Brust und im linken Arm) und Veränderung im Blut. Ein Mensch, der unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (kurz: PTBS) – einem Notfallprogramm im Kopf leidet, entwickelt typische Krankheitszeichen – Symptome genannt – die man ebenfalls in Gruppen zusammenfassen kann:

1. Störungszeichen, die man Übererrregungszeichen nennt,

2. Störungszeichen, die man als überwältigende Erinnerungen bezeichnet (englisch: Flashbacks – flash: Blitz(-licht); back: aus der Vergangenheit),

3. Störungszeichen, die man als Vermeidungsverhalten bezeichnet und Zustände, in denen man wie weggeschaltet¹ ist. Manche Leute sprechen auch von Dissos.

¹ Diese Zustände heißen auch dissoziative Symptome 

Das Gehirn im "Normalprogramm"

Aufbau des Gehirns

Das Gehirn ist aus drei Teilen aufgebaut, wie die Schalen einer Zwiebel: Unten, zentral, das heißt Stammhirn (1), dann kommt als nächste Schicht das Mittelgehirn (2) und dann das Großhirn, die berühmten „Grauen Zellen“ (3). Wir sehen von vorne auf das Gehirn, wie es sich hinter dem Gesicht verbirgt.

Erklärung der Funktionen & Aufgaben der Gehirnteile

Das Eidechsengehirn

Das Stammhirn nennt Dr. Andreas Krüger „Eidechsengehirn“. Warum? Alles, was die Arbeit dieses Teils des Gehirns für uns ausmacht, entspricht dem, was eine Eidechse oder Kröte kann. Vor allem reagiert es ohne viel überlegen auf Gefahren. Automatische Fluchtreaktionen: Ein kleines Kind wirft einen Stein nach dir. Du denkst gar nicht nach: Zack, wendest du den Kopf aus der Flugbahn des Steins! Oder automatische Angriffsreaktionen: Wenn jemand nach dem anderen schlägt: Zack, ist der Arm zum Schutz ausgefahren, Kampfimpulse werden sofort wach, die Bereitschaft des Angegriffenen, selbst zum Gegenangriff überzugehen. Alles mehr oder weniger „automatisch“. Den beschriebenen Dingen ist zudem gemeinsam, dass sie extrem alten Wahrnehmungs- und Reaktionsmustern entsprechen. 

Das Katzengehirn

Der nächste Teil des Gehirns ist das Mittelgehirn, von Dr. Andreas Krüger auch das „Katzengehirn“ genannt. In der Nachbarschaft von Dr. Andreas Krüger lebt ein Kater namens Padrino. Er hat ihn nie gefüttert und trotzdem kommt der Kater, wenn ihm danach ist, auf Herrn Krüger zu, wenn er abends mit dem Rad von der Arbeit kommt. Er streicht dann um sein Hosenbein, lässt sich kraulen und fängt leidenschaftlich an zu schnurren. Also: Das eine Auge steht daher dafür, dass in diesem Teil des Gehirns Gefühle entstehen, gesteuert und kontrolliert werden. Wieder zu Padrino: Wenn Herr Krüger ihn plötzlich schlecht behandeln würde, ihn beispielsweise mit einem Stock schlägt, würde er sich das merken, es erinnern und nicht wieder auf Herrn Krüger zukommen. Das andere Auge der Katze steht also für die Erinnerung, das Gedächtnis und seine verschiedenen Funktionen, die im Mittelgehirn geregelt werden.

Das Professorgehirn

Jetzt zum Großhirn, welches „Professorgehirn“ von Dr. Andreas Krüger genannt wird. Warum heißt dieser Teil des Gehirn so? Na, dort werden die Gedanken geschmiedet, kluge und weniger kluge. Unsere Fähigkeit zu kombinieren, Schlüsse zu ziehen, unsere Umwelt, auch das Notfallprogramm im Kopf zu verstehen – das ist aAufgabe dieses Teils des Gehirns.

Normalprogramm vs. Notfallprogramm

Wie funktioniert nun das Gehirn im „Normalprogramm“? Nehmen wir einmal an, du kommst von der Schule oder Arbeit nach Hause. Es ist noch früh, 14 Uhr, und du freust dich, dass du viel Zeit hast. Du hast dich mit deinem besten Freund Jackie verabredet, so um 16 Uhr. Das Katzengehirn will sich am liebsten sofort mit dem besten Freund treffen („Spaß“ meldet das Katzengehirn, „mehr davon!“). Dann fällt dir plötzlich ein: Morgen ist eine Prüfung, das hast du ganz vergessen! Das Professorgehirn meldet sich. Es meint: „16 Uhr ist viel zu früh! Vor 18 Uhr geht da gar nichts: Üben ist angesagt, du willst ein guter Schüler sein“! Letztlich einigen sich beide und du triffst deinen besten Freund Jackie um 17 Uhr.

Was ist nun, wenn der Mensch mit diesem Gehirn in eine Gefahrensituation kommt? 

Erst mal laufen alle Infos, die die Sinne (Augen, Ohren, Nase usw.) sammeln, in einer Art „Prüfstelle“ im Katzengehirn zusammen. Daran angeschlossen ist eine Art Alarmanlage im Kopf. Wenn die Prüfstelle zu dem Ergebnis kommt: „traumatische Situation, Nichts-geht-mehr-Situation!“, dann heult die Alarmanlage los. Wenn die Alarmanlage durch die einlaufenden Infos aktiviert wurde, dann wird das Notfallprogramm im Kopf gestartet. Die Posttraumatische Belastungsstörung ist aktiviert. 

Was passiert nun im Gehirn?

Man könnte sagen, das Eidechsengehirn übernimmt die Herrschaft, den Chefsessel im Kopf. Das „altbewährte Notfallprogramm“ der Natur. Hat schon viele Arten zum Überleben verholfen, heute und in grauer Vorzeit des Lebens auf Erden. Nur beim Menschen in der Zivilisation ist es meist unpassend und stört enorm. Ein „Dinosaurier im Kopf“ könnte man sagen.

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